5.2.08

Nachruf-Skandal

Noch kein halbes Jahr ist es her, dass die Bild-"Zeitung" sich darüber empörte, dass die ARD bereits einen vorbereiteten Nachruf über den Volksmusiker Heino vorbereitet hat. Bildblog kommentierte den Artikel über die weit verbreitete und medientechnisch wohl notwendige Praxis, auf den möglichen Tod von Prominenten vorbereitet zu sein gewohnt gehässig - nun macht sich die immer boulevardesker werdende Süddeutsche Zeitung daran dem Vorbild aus Hamburg nachzueifern: "Der Tod steht ihr gut" ist ein Artikel überschrieben, in dem anhand des von AP vorbereiteten Nachrufs für Britney Spears die Frage aufgeworfen wird, ob dies ein "Zeichen für den Verfall ethischer Standards" sei. Mit großen Worten wird hier auseinandergepflückt, wie diese Nachrichtenagentur arbeitet, was sie für einen Einfluss auf die Branche hat und unterschwellig die makabere Praxis als verwerflich an den Pranger gestellt.

Für die Journalisten, die einen solchen Artikel verfassen, scheint es absolut auszureichen im Todesfall eines Prominenten schnell bei Wikipedia einige Daten über den Verstorbenen zusammen zu klauben um daraus einen Nachruf zurecht zu zimmern - das ein professionelles Medienunternehmen auf einen solchen Fall vorbereitet sein möchte, scheint ja wirklich weit hergeholt.
Mich würde wirklich einmal interessieren, ob diese Zeitungen tatsächlich noch nichts vorbereitet haben, falls Papst oder Bundeskanzlerin versterben sollten. Bei BILD kann ich mir das ja sogar noch vorstellen - eine 6-zeilige Meldung kriegt man ja schnell improvisiert - für die Süddeutsche kann ich nur hoffen, dass die journalistische Professionalität dort doch noch ein wenig weiter geht, als es die Artikel in letzter Zeit vermuten lassen.

22.1.08

2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19...

Bei der Lektüre von Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" faszinierte mich kürzlich die dort beschrieben Eigenart von Carl Friedrich Gauß, Primzahlen zu errechnen wenn er sich langweilte. Langweilen kann ich mich auch ganz gut, Primzahlen errechnen habe ich dagegen noch nicht versucht. Genaugenommen habe seit meiner Schulzeit die Definition einer Primzahl schon wieder so erfolgreich verdrängt, dass ich jetzt erstmal wieder nachforschen musste, was so eine Zahl ist, wie man sie errechnet und was man danach damit anfangen kann.

Leichte Goldgräberstimmung erfasste mich, als ich feststellte, dass die Electronic Frontier Foundation 100.000,- US-Dollar für denjenigen ausgelobt hat, der die nächst-höchste Primzahl errechnen würde - völlig ausser Acht lassend, dass niemand viel Geld verschenken würde für eine Sache, die ein Zahlen-Amateur wie ich auch nur ansatzweise lösen könnte. Um Es kurz zu machen: An der Arbeit sitzen Professorenteams, die dazu auch noch Hochleistungscomputer benutzen (was ich persönlich ein bisschen unsportlich finde) und die normalerweise rund ein Jahr brauchen um die nächste Zahl herauszufinden.

232582657-1 ist die derzeit größte bekannte Primzahl. Sie hat 9.808.358 Dezimalstellen. Um Diese Zahl komplett aufzuschreiben würde ich rund 68 Tage brauchen, vorrausgesetzt ich schaffe es zwei Monate ohne Schlaf und ohne Hand-Krämpfe durchzuschreiben. Nachdem ich mir diese Dimensionen klar gemacht habe, habe ich mich gerade dazu entschlossen, die 100.000 Dollar großzügig den Professoren zu überlassen und nicht in ein Konkurrenzverhältnis zu ihnen zu treten.

15.1.08

Sonnenfänger


Selbstbild vs. Fremdbild

Der Mensch tendiert dazu, sich selbst nicht vollständig objektiv zu betrachten - den nötigen Abstand zur eigenen Person zu gewinnen ist einfach schwierig. Trotzdem bemüht man sich natürlich, bestärkt durch von außen kommendes Feedback Selbst- und Fremdbild nicht zu weit voneinander abweichen zu lassen. Um so überraschender trifft es einen, wenn man plötzlich mit Attributen versehen wird, die man selbst weit von sich gewiesen hätte und die sich auch nur sehr schlecht mit der Eigenwahrnehmung vertragen.

Das ich ein ziemlicher "Proll" bin, wie mir von einer lieben Freundin vor kurzem so charmant aufs Auge gedrückt wurde, war vielleicht noch durch den besonderen Kontext zu rechtfertigen. Dass ich mir gestern aber auch noch sagen lassen muss "Naja, ich will dich nicht als pummelig bezeichnen, aber ein bisschen kräftiger bist du ja schon..." schlägt dem Fass den Boden aus.
Als sensibler und unsicherer Zeitgenosse werde ich nun also ohne Essen zu klassischer Musik Schach spielen, bis mich niemand mehr als pummeligen Proll bezeichnen kann. Gemeine Welt!